Patenschaft der Stadt Remscheid für die Kreisgemeinschaft Sensburg e.V.

Der Gedanke, für vom Krieg betroffene ostdeutsche Städte Patenschaften zu übernehmen, basiert auf einer guten Tradition aus dem Ersten Welt­krieg. Im Deutschen Reich entstand 1914 auf Anregung des Freiherrn von Lüdinghausen die „Ostpreußenhilfe“. Kriegshilfsvereine in Städten und Provinzen übernahmen für ostpreußische Städte und Kreise Paten­schaften, um deren Wiederaufbau nach dem Russeneinfall mit Geld- und Sachspenden zu unterstüzen. Die Patenschaft für den Kreis Sensburg übernahm am 11. Juni 1915 der Kriegshilfsverein des Regierungsbezirks Arnsberg.

Zur Förderung der Hilfsaktion wurden durch den Reichsverband „Ostpreußen­hilfe“ neben „Wohlfahrts-Postkarten“ auch „Ostpreußen-Gedächtnisteller“ (KPM) herausgegeben, deren Verkauf half, das Spenden­aufkommen der Kriegshilfsvereine zu verbessern. Der Arnsberger Teller für Sensburg erschien im März 1916.

Auch das Bergische Land übernahm damals gemeinsam mit dem Großherzogtum Hessen eine Patenschaft, und zwar für die Stadt Marggrabowa/Kreis Oletzko. (Nach der Volksabstimmung von 1920 erhielten Stadt und Kreise den Namen „Treuburg“). Der vom KPM im August 1918 herausgebrachte Patenschaftsteller „Großherzogtum Hessen – Marggrabowa“ erinnert daran.

Das Inferno eines zweiten Weltkrieges hatte für Ostpreußen und den Kreis Sensburg abermals schreckliche Folgen. Am 30. Januar 1945 war das gesamte Kreisgebiet durch die Rote Armee besetzt. Nach Flucht und Vertreibung begannen sich die Ostpreußen nur langsam zu organisieren. Es erfolgte die Gründung der „Landsmannschaft Ostpreußen“, und wieder fühlten sich zahlreiche Städte und Kreise in der Bundesrepublik veranlasst, anknüpfend an „die gute Tradition aus dem Ersten Weltkrieg“ eine Patenschaft für einen ostdeutschen Stadt-, bzw. Landkreis zu übernehmen.

Die Stadt Remscheid griff von sich aus am 29. August 1953 den Patenschaftsgedanken auf. Am 20. Dezember 1954 erklärte der Rat einstimmig sein Einverständnis, zur Patenschaft für den Kreis Sensburg, der von der Landsmannschaft Ostpreußen als Patenkreis vorgeschlagen worden war. Die Übernahme der Patenschaft erfolgte am 26. März 1955 im Remscheider Rathaus mit der Unterzeichnug der Patenschaftsurkunde mit folgendem Wortlaut:

Urkunde

Der Rat der Stadt Remscheid hat am 20.12.1954 beschlossen, die Patenschaft für Stadt und Kreis Sensburg / Ostpreußen zu übernehmen.

Mit diesem Beschluß bekundet der Rat zugleich seine Verbundenheit mit dem Schicksal, welches die Bevölkerung der deutschen Ostgebiete betroffen hat.
Die Stadt Remscheid macht damit die Wünsche, die Hoffnungen und die Sorgen der Heimatvertriebenen aus dem Kreise Sensburg zu ihrem eigenen Anliegen und übergibt ihren Vertretern diese Urkunde in der festen Erwartung, daß im deutschen Ostpreußen dereinst wieder deutsche Bürger wohnen mögen.

Für den Rat: Frey, Oberbürgermeister
Für die Verwaltung: Dr. Braß, Oberstadtdirektor

Es folgten 1956 die Gründungsversammlung der Sensburger Kreis­gemeinschaft und die Wahl des ersten Kreistages in der Patenstadt.
Finanzielle Hilfen der Patenstadt erfolgten bei der Organisation der in Remscheid stattfindenden Kreistreffen, beim Aufbau der Kreiskartei, bei der Herausgabe des Heimatbuches „Der Kreis Sensburg“ und des jährlich erscheinenden „Sensburger Heimatbriefes“, Beschaffung und Wasserung des legendären „Nikolaiker Stinthengstes“ im Remscheider Stadtpark­teich, Einrichtung des „Sensburger Zimmers“, der Geschäftsstelle der Sensburger Kreisgemeinschaft, die sich heute in zweckmäßigen Räumen in Remscheid-Lüttring­hausen, Kreuzberg­straße 15 befindet. Im Treppen­haus des Rathauses erinnert eine Wandkarte der Kreises Sensburg mit Patenschafturkunde und Sensburger Wappen an die Übernahme der Patenschaft im Jahre 1954 sowie das Oberbürger­meister-Besprechungs­zimmer, das 1982 als „Sensburg-Zimmer“ gestaltet wurde.

Heutige Schwerpunkte der Arbeit der Kreisgemeinschaft Sensburg sind die jährliche Herausgabe des Heimatbriefes, um den Zusammenhalt der Sensburger in Deutschland und der Welt zu stärken, und die Durchführung der Hauptkreistreffen in der Patenstadt im Zweijahresrhythmus, zu denen jeweils Gäste aus der alten Heimat eingeladen werden, um die Ver­bindung zu den heimatverbliebenen Landsleuten nicht abreißen zu lassen.

Ihre Hauptaufgabe sieht die Kreisgemeinschaft jedoch nach wie vor in der kontinuierlichen ideellen und materiellen Unterstützung der seit 1991 bestehenden Sensburger Deutschen Gesellschaft „Bärentatze“.

Zu deren finanzieller Stärkung wurde am 1. Januar 1994 der „Verein für humanitäre und kulturelle Hilfe der Kreisgemeinschaft Sensburg e.V.“ gegründet, dem in Deutschland etwa 60 Mitglieder angehören.

Im Oktober 1997 konnte die „Bärentatze“ eigene Räume in der unteren Etage eines Gebäudes in der ul. Wolności 15 in Sensburg erwerben; die Finanzierung übernahmen die Kreisgemeinschaft und der bis 1945 deutsche Vorbesitzer des Hauses Eugen Bogdanski.

Auch die am 13. November 1993 in Sensburg eröffnete erste Johanniter Sozialstation in Ostpreußen erhält kontinuierliche finanzielle Unter­stützung durch die Kreisgemeinschaft.

Die Räume der Sozialstation befinden sich in der ersten Etage in dem Gebäude an der ul. Wolności.

(Auszüge aus einem Beitrag von Rolf W. Krause im Sensburger Heimatbrief 2004)

 

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